Ötztaler Radmarathon 2017

Hart, Härter, Ötzi…

„Sag Alfred, du kennst ja sicher die Strecke. Geht es nach dem Jaufenpass gleich rauf aufs Timmelsjoch, oder haben wir dann wieder so eine lange öde Gerade?“ Alfred, ein Teilnehmer des Ötztaler Radmarathons 2017, schaute mich sehr verwundert an, als ich neben neben ihm den Jaufenpass raufkletterte und meinte nur „Ja danach gehts gleich wieder bergauf!“ „Super!!!! Danke und alles Gute“!

Alfred’s Blick unbezahlbar und damit Servus beim Beitrag des Ötztaler Radmarathons, kurz genannt Ötzi.

Brav habe ich noch bei meinem ersten Rennradurlaub vor dem Ötziplakat posiert und hätte mir im Traum nie gedacht, 1 Jahr später am Start zu stehen….

Die Ötzi Expedition (Expedition darum, da dieses Rennen eine logistische Meisterleistung war, aber dazu später mehr) entstand, wie konnte es anders sein, aus einer Laune heraus. „Na sicher schaffst den Ötzi und bei deinem Glück, wirst ja so und so gezogen“, das waren die motivierenden Worte meiner besseren, genetischen Hälfte. Tja und Learjet Skipper sollte Recht behalten! Bei der ersten Verlosung war ich zwar nicht dabei, aber als ich dann im April ein Email mit der Startplatzzusage erhielt, wurde mir zuerst einmal richtig übel. Shit! Jetzt habe ich doch tatsächlich einen Startplatz!!!

Nach dem ersten kurzen Schock begann ich mich auf die Suche nach einem Quartier, indem auch unser Chaot Felix willkommen ist. Dennoch habe ich diese ganze ‚Expedition‘ bewusst verdrängt, vermutlich  um mich nicht verrückt zu machen. Als Zuschauerin war ich vor sehr langer Zeit schon einmal bei diesem Event dabei und kannte daher den groben Ablauf, so schlimm wird es also nicht werden 😉 .

Im Sommer holte ich mir vom Sportarzt in der Steiermark mittels Spiroergometrie das endgültige OK für die Teilnahme am Ötztaler Radmarathon 2017. Dr. Grubelnik ließ mich auf dem Ergometer schwitzen und meinte, dass der Ötzi für mich absolut kein Problem darstellen sollte. Für mich der endgültige Startschuss.

Vorbereitet habe ich mich in der Südsteiermark, in Südtirol und in Frankreich (der Frankreichurlaub hätte aber auch ohne Ötziteilnahme stattgefunden). Da hieß es Höhenmeter ‚fressen‘. Im Endeffekt aber tat ich genau das, was ich am liebsten mag – Höhenmeter fressen 🙂 .

Die letzten Wochen vor dem Start wurde ich doch ein wenig nervös. Schaffe ich es? Was tue ich, wenn ich wieder halb erfriere so wie in Kroatien und meine Rennsemmel nicht mehr unter Kontrolle habe in der Abfahrt? Wie verpflege ich mich, denn an den Labestationen gibt es keine glutenfreien Riegel, sondern Nudelsuppe, Kuchen etc.? Habe ich mich für die richtige Radhose entschieden, denn schließlich bin ich noch nie solange im Sattel gesessen? Schön langsam wurde aus Spaß doch Ernst und aus der Wüden Henne wurde ein Aufgescheichtes Huhn 🙂 .

Die Teilnahme am Ötzi war, wie bereits am Anfang erwähnt, eine logistische Herausforderung. Ich bat meine Eltern um Unterstützung und sie begleiteten P.S., Felix und mich ins Ötztal. Der Abend vor der Abreise war ein ganz besonderer. Learjet Skipper überprüfte mit Argusaugen meine geliebte Rennsemmel und gab mir noch etliche Tipps mit auf den Weg. Er erstellte Listen mit der richtigen Verpflegung und Pulsangaben für die jeweiligen Pässe. Wie nervös und angespannt ich zu dem Zeitpunkt war, das lässt sich in Worte kaum beschreiben…

Bei der Anreise nach Sölden fuhren wir extra über den Jaufenpass und das Timmelsjoch, denn so konnte ich mir die Strecke ein wenig einprägen. Als wir über das Timmelsjoch fuhren und ich  die ganzen Fanposter und Trikots an der Strecke sah, erfüllte mich dies einerseits mit Stolz, aber auch mit großer Ehrfurcht.

Im Quartier gelandet, begann der ganze Stress. Da wir am Freitag angereist sind, wollte ich gleich am Nachmittag meine Startnummer holen. Da unser Quartier aber in Vent lag und die Straße nach Sölden aufgrund des Pro Ötztalers gesperrt war, hieß es erst einmal am Straßenrand stehen, warten und natürlich die Pros anfeuern. Dies wäre so und so der Plan gewesen, aber ich hätte dies lieber im Ziel genossen.

Anschließend fand ich mit der Pizzeria Corso ein glutenfreies Paradies. Erschöpft von der langen Anreise ließ ich mir meine glutenfreie Pizza schmecken und wir genossen einen entspannten Abend.

Unser Quartier in Vent, die Pension Reinstadler, entpuppte sich als das perfekte Quartier! Der Sohn des liebevoll geführten Bauernhofs nahm mich am Samstag mit zu einer letzten Radtour vor dem Ötzi. Gemeinsam mit Johann fuhr ich meine letzten Kilometer vor dem großen Event und bekam noch wertvolle Tipps mit auf den Weg.

Anschließend bereiteten P.S. und ich im Quartier meine Verpflegungspakete vor und Felix genoss derweilen die uneingeschränkte Aufmerksamkeit meiner Eltern.

Am späten Nachmittag trafen wir uns alle wieder in Sölden und ich gönnte mir in der Pizzeria Corso meine Henkersmahlzeit – die extra große Portion Spaghetti Bolognese – natürlich glutenfrei. Der Kellner sah mich mit großen Augen an und meinte, dass die Portion wirklich groß sei, aber das ließ mich völlig kalt. Nicht einmal die Hälfte davon, konnte ich aufessen 🙂 .

Gestärkt nahmen P.S. und ich  an der am Abend stattfindenden Rennbesprechung teil und trafen dabei auf Peter. Peter kannte ich von Strava und ich freute mich sehr über dieses Treffen, denn Peter fuhr schon öfters den Ötzi und gemeinsam mit ihm lauschten wir gespannt den Worten der Rennleitung. Mir wurde immer übler! Auf was habe ich mich hier nur eingelassen? Zu diesem Zeitpunkt wünschte ich mir nichts mehr, als dass der ganze Spuk endlich vorbei wäre…

Wir trafen nicht nur Peter, nein auch Andy und Klaudia. Für Andy war der Ötzi auch eine Premiere und wir waren uns darüber einig, diesen Radmarathon endlich hinter uns zu bringen.

Es wurde immer später und ich drängte zum Aufbruch, schließlich mussten wir am Sonntag sehr früh aus den Federn. Erstaunlicherweise konnte ich rasch einschlafen und wurde erst durch den Wecker wach. Nun war er also da, der Tag der Tage, der 27. August 2017.

Gemeinsam fuhr ich mit Johann am Sonntag Morgen zum Start nach Sölden, nachdem wir am Vorabend unsere beiden Rennräder in Johanns Auto verstaut haben. Die Autofahrt mit ihm werde ich nie in meinem Leben vergessen 🙂 . Ich dachte mir, wenn ich diese Autofahrt überlebe, dann überlebe ich auch den Ötzi!

P.S. ist schon vor mir mit Felix aufs Kühtai gefahren, da es später aufgrund der zahlreichen Straßensperren keine Möglichkeit mehr gegeben hätte. So konnte er beim Start in Sölden nicht dabei sein. Zum Glück waren meine Eltern schon im Startbereich und haben mich, nach der turbulenten Anreise (Johann wäre bestimmt auch ein guter Ralleyfahrer 😉 ), empfangen. Das war Gold wert, denn so wurde meine Rennsemmel im Startbereich von meinem Vater mit Argusaugen bewacht und ich konnte noch schnell aufs Klo gehen. Ich weiß nicht, wer von uns am nervösesten war.

Im Startbereich wuselte es nur so von Radsportverrückten. Neben mir war ein ganzes Team aus Deutschland und der Rudelführer machte ein „Späßchen“ nach dem anderen. Mir tat das richtig gut, denn so war ich abgelenkt. Den Startschuss hörte ich im übrigen gar nicht. Irgendwann rollten wir dann aus Sölden Richtung Kühtai. Ich hielt mich an Johann’s Tipp und fuhr eher auf der rechten Seite und ließ mich überholen. Der ganze Pulk hatte ordentlich Tempo drauf und bis zum Kühtai braucht man eigentlich nicht viel zu treten.

Der erste Unfall ließ nicht lange auf sich warten und kurz vor dem Kühtai stand ich mit meiner Rennsemmel im Stau.

Kühtai:

Das Kühtai kannte ich, allerdings nur von der anderen Seite rauf. Ich hielt mich an Learjet’s Pulswerten und trat ganz langsam in die Pedale. Kurz vor dem Kühtaier Dorfstadl entdeckte ich meine zwei Betreuer. Felix wedelte freudig mit seinem Schwänzchen und P.S. hielt mir gleich Riegel und Banane unter die Nase und füllte derweilen meine Trinkflaschen auf. In Windeseile stopfte (von essen kann man hier wirklich nicht sprechen) ich alles in mich hinein. Diese „Rast“ kostete mir aufgrund von unvorhersehbaren menschlichen Bedürfnissen ordentlich Zeit 🙁 .

Die Abfahrt vom Kühtai genoss ich sehr und freute mich auf die nächste Steigung. Zum Glück bekam ich vom nächsten Unfall bei der Abfahrt nichts mit.

Brenner:

Na wo beginnt denn nun der Brenner? Diese Frage stellte ich mir nach dem Küthai die ganze Zeit. Die Fahrt dorthin war einfach nur lang und öde. Immer wieder überholte ich Gruppen, dann wurde ich wieder überholt und schlussendlich fand ich kurz vor dem Brenner einen Partner und wir fanden einen guten Tritt. Leider verlor ich diesen nach der Labestation wieder. Eigentlich wollte ich diese Labestation auslassen, aber nachdem ich wieder einmal das stille Örtchen besuchen musste, hatte ich keine andere Wahl als stehen zu bleiben und nutzte die Gelegenheit auch gleich dazu, meine Trinkflaschen aufzufüllen.

Jaufenpass:

Auch dieser Pass war eine Premiere für meine Rennsemmel. Landschaftlich ein wunderschöner Pass! Schöne Kehren führen durch Wälder auf die Passhöhe. Da traf ich auch Alfred, der mir zusicherte, gleich nach dem Jaufenpass aufs Timmelsjoch fahren zu können. Eine Erleichterung für mich, denn die Fahrt zum Brenner war für mich einfach nur öd. Am Jaufenpass wartete auch mein Verpflegungssackerl auf mich. Ich freute mich richtig auf mein Stück glutenfreies Brot (nach all den Gels und Riegeln eine willkommene Abwechslung), schüttete eine warme Dosa Cola in mich hinein (ich habe zum Glück wirklich einen Saumagen, der das alles verträgt), ließ meine Trinkflaschen auffüllen und düste wieder weiter. Die Abfahrt vom Jaufenpass war für mich das anstrengendste am ganzen Ötzi! Ich war so froh, heil in St. Leonhard angekommen zu sein. Dort war es übrigens am heißesten und die Vorfreude aufs Timmelsjoch war riesengroß!

Timmelsjoch:

Endlich gehts heim! Uih wie habe ich mich gefreut endlich ‚heim‘ zu fahren! Die Sonne strahlte und es war einfach ein unbeschreibliches Gefühl, Tritt für Tritt Richtung Sölden zu fahren. Auf dem Heimweg waren aber nicht alle so glücklich wie ich. Ich sah verzweifelte Sportler am Straßenrand sitzen, vermutlich von Krämpfen geplagt, dann wieder andere, die ihr Rad geschoben haben. Die beiden letzten Labestationen ließ ich komplett aus, nahm noch ein Gel zu mir und kletterte weiter. Am Timmelsjoch gab ich alles, denn ich hatte mir genug Reserven dafür aufgespart. Am Timmelsjoch überholte ich sehr viele Teilnehmer (eigentlich überholte ich nur noch –  es war ein unglaubliches Gefühl!). Die letzten Kehren vor der Passhöhe kam jedoch ein Sturm auf und es begann zu regnen. Ich zog mir geschwind meine vermeintliche Regenjacke, die eigentlich nur winddicht war, an und hatte aufgrund der Nässe ein wenig Angst vor der Abfahrt. Ich erinnerte mich immer wieder an meine Abfahrt in Kroatien bei Nässe und klirrender Kälte und hatte Angst, wieder auszukühlen. Mit schlotternden Zähnen freute ich mich auf den kurzen Gegenanstieg kurz vor der Passhöhe! Vermutlich war ich die einzige, die sich über diesen weiteren ‚Anstieg‘ freute 😉 .

In Zwieselstein wurde ich von meinen Emotionen  tatsächlich überwältigt und vergoss ein paar Tränen! Ich hatte es also tatsächlich geschafft, den Ötzi zu finishen! Als ich kurz vor dem Ziel die Hände in die Höhe riss, fühlte ich mich, als hätte ich die Tour de France gewonnen 🙂 . Ich war im Ziel! Meine Rennsemmel hat mich sicher nachhause gebracht.

Ob ich den Ötzi noch einmal fahren werde? Ich weiß es nicht…

 

  

 

 

 

 

 

 

  

    

 

 

  

 

 

 

 

 

 

 

 

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3 Kommentare bei „Ötztaler Radmarathon 2017“

  1. Liebe Nina,
    das beschreibt die Emotionen von Ötztaler zu 100 Prozent genau. Für die Autofahrt möchte ich mich hiermit nochmals Entschuldigen. Wusste wirklich nicht, dass ich so ein schlechter Fahrer bin und die Autofahrt so schlimm für dich war. 🙈😂

    Liebe Grüße,
    dein Ötztaler Radkollege 😉 Johann

    1. Lieber Johann!
      Vielen Dank für die Blumen, darüber freue ich mich sehr! Die Autofahrt habe ich vermutlich auch aufgrund meiner Nervosität so intensiv wahr genommen, aber wie bereits erwähnt, bleibt diese unvergesslich. Ich war über die Ablenkung sehr, sehr froh!!!!
      Lg Nina 🙂

  2. Ein toller, beeindruckender Bericht über dieses „legendäre und harte“ Rennen. Wer es fährt, weiß wovon du schreibst. Jeder, der ins Ziel kommt, ist ein Sieger. Und jetzt bist auch du einer davon. Herzlichen Glückwunsch und weiterhin viel Erfolg und Spaß.

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